215. An Schiller

Weimar, 17. August 1796

Ob wir gleich, mehr als jemals, vom Augenblick abhängen, so hoffe ich doch es soll mich nichts hindern, Morgen Abend bei Ihnen zu seyn. Die tabulas votivas bringe ich wieder mit. Ihre Distichen sind außerordentlich schön, und sie werden gewiß einen trefflichen Effect machen. Wenn es möglich ist, daß die Deutschen begreifen, daß man ein guter tüchtiger Kerl seyn kann, ohne gerade ein Philister und ein Matz zu seyn, so müssen Ihre Sprüche das gute Werk vollbringen, indem die großen Verhältnisse der menschlichen Natur mit so viel Adel, Freiheit und Kühnheit dargestellt sind.

Weit entfernt, daß ich die Aufnahme gewisser Arbeiten in den Almanach tadle! denn man sucht dort gefällige Mannigfaltigkeit, Abwechslung des Tons und der Vorstellungsart; man will Masse und Menge haben, der gute Geschmack freut sich zu unterscheiden, und der schlechte hat Gelegenheit sich zu bestärken, indem man ihn zum besten hat.

Von so vielem andern mündlich. Ich hoffe wir wollen dießmal wieder zusammen eine gute Strecke vorwärts kommen. Da ich den Roman los bin, so habe ich schon wieder zu tausend andern Dingen Lust. Leben Sie recht wohl.

G.

H 215 | S 214 | B 215