783. An Schiller
Jena, den 30. September 1800
Das Wetter fährt fort von der Art zu seyn, daß es Sie wohl nicht reizen kann. In diesen Tagen habe ich den Eingang zu unserer Preisertheilung geschrieben und den Schluß dazu schematisirt; ich muß nun abwarten wie er zu Ihrer und Meyers Arbeit paßt.
Wenn ich Mittwoch Abends Meyers letzte Hälfte und Ihr Ganzes erhalten könnte, so wär’ ich freilich sehr gefördert: denn ich wünschte nicht eher wegzugehen, bis alles ein Ganzes ist. In Weimar gelingt mir so etwas nicht, ich weiß es schon, denn ich brauche fast mehr Sammlung zum Rhetorischen als Poetischen. Es fiel mir ein daß ich noch einen Aufsatz von Humboldt über den Trimeter habe. Leider habe ich ihn, als er abgeschrieben war, nicht corrigirt; es kommen daher einige mir wenigstens unheilbare Schreibfehler darin vor. Auch liegt ein Theil seines Agamemnons bei; beides wird einigermaßen Ihren Wünschen entgegenkommen.
Wenn ich übrigens mit Niethammer und Friedrich Schlegel transscendentalen Idealism, mit Rittern höhere Physik spreche, so können Sie denken, daß die Poesie sich beinahe verdrängt sieht; doch läßt sich hoffen daß sie wieder zurückkehren werde.
Übrigens mag ich nun nach Hause gehen wenn ich will, so habe ich meine vier Wochen nützlich zugebracht und finde mich von allen Seiten gefördert. Manches habe ich nun zu verarbeiten, und wenn ich diesen Winter noch einen Monat hier zubringen kann, so wird es in mehr als Einem Sinne gut stehen.
Leben Sie recht wohl, gedenken mein und seyn Sie auf Ihre Wiese fleißig.
G.
Ich lege noch vorjährige Bemerkungen über den Macbeth bei, die ich zum Theil noch erst werde commentiren müssen. Heben sie solche bei sich auf oder geben sie Beckern.
Eben wollte ich meine Depesche schließen, als zu meiner größten Freude Ihr Aufsatz anlagt. Ich habe ihn geschwind gelesen und finde ihn so schön, gut und zweckmäßig, als Sie es selbst nicht wissen. Es fiel mir dabei ein, daß jede Partei in Venedig zwei Advocaten von verschiedenem Charakter beim Plaidiren der Prozesse aufstellt, einen der den Vortrag macht und einen andern der concludirt.
Aus unserm Dreiklang soll dießmal etwas recht Artiges entstehen. Meine Peroration, die Sie mir zum Theil weggenommen haben, will ich nun zu der Einleitung schlagen, und was mir ja noch übrig bliebe zu der Preisaufgabe auf’s folgende Jahr, wo sich auch noch mancherlei sagen läßt. Doch das wird sich alles erst finden, wenn ich Meyers Recension habe, auf die ich morgen hoffe. Die Einheit in der Verschiedenheit der drei Töne wird sich recht gut ausnehmen. Ich danke Ihnen tausendmal für guten Beistand. Ich wollte auch die Motive classificiren, ich fürchtete aber, schon bei Durchsicht meines Schema’s, daß ich in’s Trockne fallen könnte. Bei Ihnen ist nun alles im Fluß.
Leben Sie recht wohl, und schenken Sie doch auch der flüchtigen Skizze einen Blick, die ich Meyern über die verschiedene Lage der Kunst in Deutschland zuschickte.
G.
[Bemerkungen zu Macbeth
- Versuch die Stimmen der Hexen unkenntlicher zu machen.
- Ihre symmetrische Stellung zu nuancieren.
- Ihnen einige Bewegung zu geben.
- Wo es nötig, längere Kleider, um den Kothurn zu bedecken.
- Donalbains Schwert muß neuer aussehen.
- Rosse und der König müssen andere Abgänge arrangiren.
- Macbeth und Banquo, wenn sie mit den Hexen sprechen, treten mehr gegen das Proszenium. Die Hexen treten näher zusammen.
- Lady Macbeth spricht nicht rückwärts im ersten Monolog.
- Fleance muß einen andern Leuchter haben.
- Gebt mir mein Schwert. Zweifel über diese Stelle des Banquo.
- Nicht so starr.
- Eine tiefere Glocke ist anzuschaffen.
- Macbeth sollte als König prächtiger erscheinen.
- Die Tafel sollte nicht so modern besetzt sein.
- Der Mittelaufsatz müßte verguldet sein um gegen das Gespenst besser abzustechen.
- Die Lichter sind gerad zu stecken und müssen stärkere Lichter genommen werden.
- Banquos Gesicht ist blässer zu machen.
- Es ist für Stühle zu sorgen, die nicht fallen.
- Ein großer Helm ist zu machen.
- Die Kinder müssen wieder heraus aus dem Kessel, sie sind zu maskidren und auffallender zu decoriren.
NB. Die Schatten langsamer und die Gestalten im Charakter mehr abgeändert. - Nach der Hexenszene sollte etwas Musik sein, ehe Malcolm und Macduff eintreten.
- Fragen, ob man nicht einen Monolog von Malcolm sollte vorausgehen lassen, in welchem er die Sorge von Verräterei ausdruckt. Ich weiß nicht, woran es lag, aber der Effekt dieser Szene ging mir ganz verloren.
- Macduffs Gebärden, da er den Tod der Seinigen erfährt.
- Eylenstein als Arzt muß nicht so gebückt sitzen und nicht so sehr in sich reden.
- Arrangement und Wandeln in dieser Szene.
- Mannigfaltigere Motive des Gefechts.
- Stärkere Klingen für die Hauptfechtenden.
- Sollte man nicht die Rolle des jungen Seiwards einer andern Person zu geben suchen? Demoiselle Caspers wird an dieser Stelle auch noch für Donalbain gehalten.]*
* Nicht bei H, zitiert nach S