610. An Goethe

Jena, den 29. Mai 1799

Ich habe in den zwei Tagen, daß Sie von uns sind, in meinem angefangenen Geschäft emsig fortgefahren und hoffe daß ein beständigeres Wetter auch meinen Bemühungen förderlich wird. Indem ich mir von unserm letzten Zusammenseyn Rechenschaft gebe, finde ich daß wir uns, ohne produktiv zu seyn, wieder nützlich beschäftigt haben. Die Idee besonders von dem nothwendigen Auseinanderhalten der Natur und Kunst wird mir immer bedeutender und fruchtbarer, so oft wir auf diese Materie zurückkommen, und ich rathe bei dem Aufsatz über den Dilettantism auch recht breit darüber heraus zu gehen.

Das Schema über diesen Aufsatz erwarte ich nun bald abgeschrieben und mit neuen Bemerkungen bereichert zurück, und hoffe daß Ihnen die Nähe von Aurora und Hesperus recht viel Licht dazu geben möge.

Ich bin gestern zufällig über ein Leben des Christin Thomasius gerathen, das mich sehr unterhalten hat. Es zeigt das interessante Loswinden eines Mannes von Geist und Kraft aus der Pedanterei des Zeitalters; und obgleich die Art, wie er es angreift, selbst noch pedantisch genug ist, so ist er doch seinen Zeitgenossen gegenüber ein philosophischer, ja ein schöner Geist zu nennen. Er erwählte dasselbe Mittel das auch Sie für das kräftigste halten, die Gegner durch immerfort und schnell wiederholte Streiche zu beunruhigen, und schrieb das erste Journal unter dem Titel: Monatliche Gespräche, worin er auf satyrische Art und mit einem satyrischen Kupferstich vor jedem Stücke seinen Gegnern, den Theologen und aristotelischen Philosophen, tapfer zusetzt. Er wagte es, akademische Schriften zuerst auch in deutscher Sprache zu schreiben; eine davon über das feine Betragen und das was der Deutsche von den Franzosen nachahmen solle, wäre ich neugierig zu lesen und werde mich hier darnach umthun.

Haben Sie vielleicht etwas von der Fräulein Imhof und ihrem Werke in Erfahrung gebracht, und wollen Sie ihr das wovon Sie neulich sagten insinuiren?

Meine Frau grüßt Sie herzlich. Wir vermissen Sie sehr und ich kann mich kaum mehr daran gewöhnen, die Abende ohne Gespräch zuzubringen. Meyern viele Grüße.

Leben Sie recht wohl.

Sch.

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