445. An Schiller

Weimar, den 28. Februar 1798

Wenn die Stuttgarter Freunde artiger gewesen und mir die Zeit von Thouret’s Ankunft gemeldet hätten, so könnte ich vielleicht jetzt bei Ihnen seyn, denn außer diesem Einen Geschäft habe ich alles Übrige hinter mich gebracht. Geht Ihr Wallenstein indessen auf seinem Wege mit starken Schritten fort, so will ich das bisherige Entbehren verschmerzen; man sieht freilich, wie es auch Humboldten geht, wenn gewisse Unterhaltungen fehlen, wie nöthig sie einem werden können.

Die Franzosen muß Humboldt, wenn sie ein theoretisch Gespräch anfangen, ja zu eludiren suchen, wenn er sich nicht immer von neuem ärgern will. Sie begreifen gar nicht daß etwas im Menschen sey, wenn es nicht von außen in ihn hineingekommen ist. So versicherte mir Mounier neulich: das Ideal sey etwas aus verschiedenen schönen Theilen Zusammengesetztes! Da ich ihn nun denn fragte: woher denn der Begriff von den schönen Theilen käme? und wie denn der Mensch dazu käme ein schönes Ganze zu fordern? und ob nicht für die Operation des Genie’s, indem es sich der Erfahrungselemente bedient, der Ausdruck zusammensetzen zu niedrig sey? so hatte er für alle diese Fragen Antworten aus seiner Sprache, indem er versicherte daß man dem Genie schon lange une sorte de création zugeschrieben habe.

Und so sind alle ihre Discurse: sie gehen immer ganz entscheidend von einem Verstandsbegriff aus, und wenn man die Frage in eine höhere Region spielt, so zeigen sie daß sie für dieses Verhältnis auch allenfalls ein Wort haben, ohne sich zu bekümmern ob es ihrer ersten Assertion widerspreche oder nicht.

Durch Ihre Frau Schwägerin werden Sie ja wohl erfahren haben daß auch Mounier Kantens Ruhm untergraben hat, und ihn nächstens in die Luft zu sprengen denkt. Dieser moralische Franzos hat es äußerst übel genommen daß Kant die Lüge, unter allen Bedingungen, für unsittlich erklärt. Böttiger hat eine Abhandlung gegen diesen Satz nach Paris geschickt, der ehestens in der Décade philosophique wieder zu uns zurückkommen wird, worin denn zum Trost so mancher edlen Natur klar bewiesen wird daß man von Zeit zu Zeit lügen müsse.

Wie sehr Freund ubique sich freuen muß, wenn dieser Grundsatz in die Moral aufgenommen wird, können Sie leicht denken, da er seit einiger Zeit die Bücher, die man ihm geliehen hat, hartnäckig abschwört, ob es gleich gar kein Geheimniß ist, daß er sie im Hause hat ,und sich deren ganz geruhig fort bedient.

Ich habe jetzt ein Verhältniß mit dem Grafen und der Gräfin Fouquet wegen naturhistorischer Gegenstände. Es sind recht artige, höfliche, dienstfertige Leute und auch mit mir recht einig und wohl zufrieden; doch merkt man daß sie sich immer im stillen ein gewisses Präcipuum vorbehalten manches besser zu wissen, über manches besser zu denken glauben.

Mein Gedicht scheint, wie ich aus diesen Nachrichten sehe, Voß nicht so wohlthätig als mir das seine. Ich bin mir noch recht gut des reinen Enthusiasmus bewußt, mit dem ich den Pfarrer von Grünau aufnahm, als er sich zuerst im Merkur sehen ließ, wie oft ich ihn vorlas, so daß ich einen großen Theil davon noch auswendig weiß, und ich habe mich sehr gut dabei befunden, denn diese Freude ist am ende doch productiv bei mir geworden, sie hat mich in diese Gattung gelockt, den Hermann erzeugt, und wer weiß was noch daraus entstehen kann. Daß Voß dagegen mein Gedicht nur se defendendo genießt, thut mir sehr leid für ihn, denn was ist denn an unserm ganzen bischen Poesie, wenn es uns nicht belebt, und uns für alles und jedes, was gethan wird, empfänglich macht? Wollte Gott ich könnte wieder von vorn anfangen, und alle meine Arbeiten als ausgetretne Kinderschuhe hinter mir lassen, und was Bessers machen.

Jetzt erheitre ich mich mit dem Gedanken daß ich bei meinem nächsten Aufenthalt in Jena kleine Sachen machen will, in einer Art zu der ich den wohlthätigen Einfluß des Frühlings brauche. Wie sehr freut es mich daß wir beide gewiß so fest an der Sache als an einander halten werden.

Heute Nacht haben wir, nach der unvermutheten Ankunft der Gothaischen fürstlichen Jugend, einen Ball aus dem Stegreife und Soupé um zwei Uhr gehabt, worüber ich denn einen schönen Morgen zum größten Theil verschlief. Leben Sie recht wohl, grüßen Sie Ihre liebe Frau und bereiten sich für den Sommer im Garten ein heiteres Daseyn.

G.

H 440 | S 434 | B 434