767. An Schiller
Jena, den 1. August 1800
Tancreden hab’ ich gestern früh schon bei Seite gelegt. Übersetzt, und hie und da ein wenig mehr, habe ich den Schluß vom zweiten Act, den dritten und vierten Act, ohne den Schluß von beiden. Dadurch habe ich mich, wie ich glaube, der edlern Eingeweide des Stücks versichert, denen ich nun noch einiges Belebende andichten muß, um dem Anfang und Ende etwas mehr Fülle als im Original zu geben. Die Chöre werden recht gut passen; allein dem ungeachtet werde ich mich sehr nüchtern verhalten, um nicht das Ganze zu zerstören. Es kann mich indessen auf dem Weg, auf dem wir sind, niemals reuen, dieses Unternehmen fortzuführen und durchzusetzen.
Gestern habe ich einiges Geschäftsähnliche besorgt und heute einen kleinen Knoten in Faust gelöst. Könnte ich von jetzt an noch vierzehn Tage hier bleiben, so sollte es damit ein ander Aussehen damit gewinnen; allein ich bilde mir leider ein, in Weimar nöthig zu seyn und opfere dieser Einbildung meinen lebhaftesten Wunsch auf.
Auch sonst sind diese Tage an mancherlei Gutem von außen nicht unfruchtbar gewesen. Wir haben lange auf eine Braut in Trauer gesonnen. Tieck in seinem poetischen Journal erinnert mich an ein altes Marionettenstück, das ich auch in meiner Jugend gesehen habe: die Höllenbraut genannt. Es ist ein Gegenstück zu Faust, oder vielmehr zu Don Juan. Ein äußerst eitles, liebloses Mädchen, das seine treuen Liebhaber zu Grunde richtet, sich aber einem wunderlichen unbekannten Bräutigam verschreibt, der sie denn zuletzt wie billig als Teufel abholt. Sollte hier nicht die Idee zur Braut in Trauer zu finden sein, wenigstens in der Gegend?
Von Baadern habe ich eine Schrift gelesen über das Pythagoräische Quadrat in der Natur, oder die vier Weltgegenden. Sei es nun daß ich seit einigen Jahren mit diesen Vorstellungsarten nicht mehr befreundet habe, oder daß er seine Intentionen uns näher zu bringen weiß, das Werklein hat mir wohl behagt und hat mir zu einer Einleitung in seine frühere Schrift gedient, in der ich freilich, auch noch jetzt, mit meinen Organen nicht alles zu packen weiß.
Ein Studirender der sich auf die Anatomie der Insecten legt, hat mir einige sehr hübsch zergliedert und demonstriert, wodurch ich denn auch in diesem Fache theils in der Kenntniß, theils in der Behandlung vorwärts gegangen bin.
Wenn man so einen jungen Mann nur ein Vierteljahr zweckmäßig beschäftigen könnte, so würde sich recht viel Erfreuliches neben einander stellen lassen. Indessen, wenn ich wieder herüber kommen kann, ehe die Verpuppungszeit gewisser Raupen eintritt, so will ich doch seine Thätigkeit und Geschicklichkeit zu benutzen suchen. Man könnte zwar leicht diese Dinge selbst machen, wenn es einen nur nicht sogleich mit Gewalt in ein abgelegnes Feld hinüber führte.
Montag werde ich wieder bei Ihnen seyn, wo ich manches sowohl schwarz auf weiß mitbringe, als zu erzählen habe. Leben Sie indessen wohl und fleißig und gedenken mein.
G.