468. An Schiller

Weimar, den 2. Mai 1798

Iffland fährt fort seine Sache trefflich zu machen und zeichnet sich als ein wahrhafter Künstler aus. An ihm zu rühmen sit die lebhafte Einbildungskraft, wodurch er alles was zu seiner Rolle gehört zu entdecken weiß, dann die Nachahmungsgabe wodurch er das gefundene und gleichsam Erschaffene darzustellen weiß, und zuletzt der Humor, womit er das Ganze von Anfang bis zu Ende lebhaft durchführt. Die Absonderung der Rollen von einander, durch Kleidung, Gebärde, Sprache, die Absonderung der Situationen und die Distinciton derselben wieder in sensible kleinere Theile ist fürtrefflich. Von allem übrigen was wir schon im Einzelnen kennen will ich jetzt schweigen.

Indem er als ein wirkliches Natur- und Kunstgebilde vor den Augen des Zuschauers lebt, so zeigen sich die übrigen, wenn sie auch ihre Sache nicht ungeschickt machen, doch nur gleichsam als Referenten, welche eine fremde Sache aus den Acten vortragen; man erfährt zwar was sich begibt und begeben hat, man kann aber weiter keinen Theil daran nehmen.

Sehr wichtig war mir die Bemerkung daß er die reinste und gehörigste Stimmung beinah durchaus vollkommen zu Befehl hat, welches denn freilich nur durch das Zusammentreffen von Genie, Kunst und Handwerk möglich ist.

Das Publicum ist sich in seiner Assiduität ziemlich gleich. Die Anzahl schwankte bisher zwischen 380 und 430, und es läßt sich voraussehen daß wir keine so starke und keine so geringe Vorstellung haben werden als das vorigemal. Der erhöhte Preis hat nur einen gewissen Cirkel von Zuschauern eingeschlossen. Wir können mit der Einnahme zufrieden seyn und ich freue mich über den ungläubigen Hofkammerrath gesiegt zu haben.

Übrigens habe ich, außer einer ziemlich allgemeinen, reinen Zufriedenheit, nichts Tröstliches von einem besondern Urtheil gehört. Wie wenige verhalten sich gegen den Künstler auch wieder productiv! Dagegen habe ich mitunter einige sehr alberne Negationen vernommen. Morgen erleben wir noch den tauben Apotheker und dann will ich mich der eintretenden Ruhe wieder freuen, ob ich gleich nicht läugnen will daß mir sein Spiel diesmal mehr als das vorigemal Bedürfniß geworden ist. Er hat in jedem Sinne gut auf mich gewirkt, und ich hoffe, wenn ich zu Ihnen hinüber komme, sollen der Mai und Juni gute Früchte bringen.

Ich habe heute keinen Brief von Ihnen erhalten und wünsche nur daß kein Übel Ursache an Ihrem Stillschweigen seyn möge.

Freudn Böttiger brütet, wie ich merke, an einer Didaskalie über Pygmalion. Es wird wahrscheinlich wieder ein sauber Stückchen Arbeit werden.

Eine der lustigsten Begebenheiten unseres Zeitalters kann ich vorläufig nicht verschweigen. Wielanden ist durch ein heimlich demokratisches Gericht verboten worden die Fortsetzung seiner Gespräche im Merkur drucken zu lassen; das nächste Stück wird zeigen ob der gute Alte gehorcht.

Der arme Verfasser des goldnen Spiegels und des Agathons, der zu seiner Zeit Königen und Herren die wundersamsten Wahrheiten sagte, der sich auf die Verfassungen so trefflich verstand, als es noch keine gab, der edle Vorläufer des neuen Reiches muß nun, in den Zeiten der Freiheit, da Herr P. täglich den bloßen Hintern zum Fenster hinaus reckt, da Herr G. mit der liberalsten Zudringlichkeit einem neuen Könige eine unbedingte Preßfreiheit abtrutzt, die Schooskinder seines Alters, die Producte einer Silberhochzeit, gleich namenlosen Liebeskindern, verheimlichen.

Vor vierzehn Tagen ohngefähr kam er nach Weimar, um für diese Productionen, mit denen er sich im Stillen beschäftigt hatte, einiges Lob einzuernten; er las sie in allen Etagen unsers Geschmacks- und Gesellschaftshauses vor und ward mit mäßiger Gleichgültigkeit aufgenommen, so daß er für Ungeduld bald wieder auf’s Land flüchtete; indessen hielt man Rath, und jetzt hör’ ich, ist ihm angekündigt diese Mestizen eines aristodemokratischen Ehebandes in der Stille zu erdrosseln und im Keller zu begraben, denn ausgesetzt dürfen sie nicht einmal werden.

G.

Vorstehendes war geschrieben als ich Ihren lieben Brief erhielt. Möge das gute Wetter Sie bald in den Garten locken und Sie draußen auf’s beste begünstigen.

Über Pygmalion wollen wir methodisch zu Werke gehen; denn wenn man, bei der großen Einigkeit in Grundsätzen, einmal über Beurtheilung einer Erscheinung in Opposition ist, so kommt man gewiß auf schöne Resultate, wenn man sich verständigt.

Ich glaube wir werden bald einig seyn, denn man kann von diesem Monodram nur in so fern sprechen als man die Manier des französischen tragischen Theaters und die rhetorische Behandlung eines tragischen, oder hier eines sentimentalen Stoffs, als zulässig voraussetzt; verwirft man diese völlig, so ist Pygmalion mit verworfen; läßt man sie aber mit ihrem Werthe oder Unwerthe gelten, so kann auch hier Lob und Tadel eintreten. Man kann jeden Manieristen loben und das Verdienst das er hat auseinandersetzen, nur muß ich ihn nicht mit Natur und Styl vergleichen. Das wäre uhngefähr wovon ich ausgehen würde. Ich werde Ihnen erzählen was ich auf die zweimal gesehen habe; am liebsten aber wünsche ich daß Sie Meyern drüber hören, doch wird die ganze Untersuchung vor der Erscheinung der Didaskalie nicht geschlossen werden können.

Wegen Schröder’s kann ich Ihnen weiter nichts agen. Er hat sich in dieser Sache coquet betragen, unaufgefordert einen Antrag gethan, und wie man zugreifen wollte zurückgezogen. Ich nehme es ihm nicht übel, denn jedes Handwerk hat eigene Methoden; ich kann nun aber keinen Schritt weiter thun.

Wahrscheinlich bin ich in zehn Tagen wieder bei Ihnen; es sollte mir lieb seyn Cotta wieder zu sehen.

Die Stelle in der Odyssee scheint sich freilich auf eine der unzähligen Rhapsodien zu beziehen, aus denen nachher die beiden überbliebenen Gedichte so glücklich zusammengestellt wurden. Wahrscheinlich sind jene eben deswegen verloren gegangen, weil die Ilias und Odyssee in eine Ganzes coalescirten. So haben wir unzählige Epigramme verloren, weil man eine Epigrammensammlung veranstaltete; so sind die Werke der alten Rechtslehrer zu Grunde gegangen, weil man sie in die Pandekten digerirte u. s. w. Verzeihen Sie mir diese etwas chorizontische Äußerung, doch scheint mir täglich begreiflicher wie man aus dem ungeheuren Vorrathe der rhapsodischen Genieproducte, mit subordinirtem Talent, ja beinah bloß mit Verstand, die beiden Kunstwerke, die uns übrig sind, zusammen stellen konnte; ja wer hindert uns anzunehmen daß diese Contiguität und Continuität schon durch Forderung des Geists an den Rhapsoden im allerhöchsten Grade vorbereitet gewesen; sogar will ich einmal annehmen daß man nicht alles in die Ilias und Odyssee was wohl hineingepaßt hätte aufgenommen habe, daß man nicht dazu sondern davon gethan habe.

Doch das sind Meinungen über einen Gegenstand über den alle Gewißheit auf ewig verloren ist, und die Vorstellungsart die ich äußere ist mir bei meiner jetzigen Production günstig, ich muß die Ilias und Odyssee in das ungeheure Dichtungsmeer mit auflösen aus dem ich schöpfen will.

Noch ein Wort wegen Schröder’s: nach meiner Überzeugung steht Ihr Wallenstein und seine Hieherkunft in solcher Correlation, daß man eher sagen könnte: schreiben Sie ihn so wird er kommen, als: wenn er kommt, so machen Sie ihn fertig.

Und hiermit leben Sie wohl. Es geht wieder zu einem Frühstück, morgen ist das letzte bei mir, wozu Ihre liebe Frau eingeladen ist, wenn sie zeitig kommt.

Die englische Übersetzung meiner Dorothea, welche Herr Mellish unternommen hat, ist, wie er mir gestern sagte, fertig; er will mir die vier ersten Gesänge zeigen, die er mit hat. Ich selbst kann so was gar nicht beurtheilen, ich will veranlassen daß Schlegel sie zu sehen kriegt, der das Verhältniß beider Sprachen mehr studirt hat. Ich schließe, ob’s gleich noch viel zu sagen gibt.

G.

H 462/463 | S 458 | B 58