639. An Schiller

Weimar, den 20. Juli 1799

Ich danke Ihnen daß Sie mir von der wunderlichen Schlegel’schen Production einen nähern Begriff geben; ich hörte schon viel darüber reden. Jedermann liest’s, jedermann schilt darauf, und man erfährt nicht was eigentlich damit sey. Wenn mir’s einmal in die Hände kommt will ich’s auch ansehen.

Die Greuel des Dilettantismus haben wir in diesen Tagen auch wieder erlebt, die um so schrecklicher sind, als die Leute mitunter recht artig pfuschen, sobald man einmal zugibt, daß gepfuscht werden soll. Unglaublich ist’s aber, wie durch diesen einzigen Versuch schon die ganze gesellschaftliche Unterhaltung, an der zwar überhaupt nichts zu verderben ist, eine hohle, flache und egoistische Tournüre nimmt, wie aller eigentliche Antheil am Kunstwerk durch diese leichtsinnige Reproduction aufgehoben wird.

Übrigens hat mir diese Erfahrung, so wie noch andere in andern Fächern, die Überzeugung erneuert: daß wir andern nichts thun sollten als in uns selbst zu verweilen, um irgend ein leidliches Werk nach dem andern hervorzubringen. Das übrige ist alles vom Übel.

Deßwegen gratulire ich zum ersten Act, wünsche mich bald wieder zu Ihnen, und kann die Hoffnung nicht fahren lassen, daß dieser Nachsommer auch für mich noch fruchtbar seyn werde. Leben Sie recht wohl. August hat sich sehr gefreut Carl und auch Ernsten wieder zu sehen, von denen er viel erzählt hat.

G.

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