868. An Goethe

Weimar, den 5. Mai 1802

Ich komme in diesem Augenblick aus der Regierung, wo man mich länger warten lassen als ich dachte, und kann Ihnen also, da das Botenmädchen gleich fort will, bloß das Nöthigste schreiben.

Iphigenia wäre auf keinen Fall auf den Sonnabend zu zwingen gewesen, weil die Hauptrolle sehr groß, und schwer einzulernen ist. Es war schlechterdings nöthig der Vohs Zeit dazu zu geben. Ich hoffe übrigens das Beste für dieses Stück; es ist mir nichts vorgekommen, was die Wirkung stören könnte. Gefreut hat es mich, daß die eigentlich poetisch schönen Stellen und die lyrischen besonders auf unsere Schauspieler immer die höchste Wirkung machten. Die Erzählung von den Thyestischen Gräueln, und nachher der Monolog des Orest, wo er dieselben Figuren wieder in Elysium friedlich zusammen sieht, müssen als zwei sich aufeinander beziehende Stücke und als eine aufgelöste Dissonanz vorzüglich herausgehoben werden. Besonders ist alles daran zu wenden, daß der Monolog gut executirt werde, weil er auf der Gränze steht, und wenn er nicht die höchste Rührung erweckt, die Stimmung leicht verderben kann. Ich denke aber er soll eine sublime Wirkung machen.

Den übeln Erfolg der Ariadne wird Ihnen der Hofkammerrath schon berichtet haben. Sie können ihm alles Schlimme glauben, was er Ihnen davon schreiben mag; denn diese Elise ist eine armselige herz- und geistlose Komödiantin von der gemeinen Sorte, die durch ihre Ansprüche ganz unausstehlich wird. Doch Sie werden sie selbst sehen und hören, wenn Sie länger in Jena bleiben, denn sie denkt in etlichen Tagen ein Declamationsconcert dort zu geben.

Wir sind seit sechs Tagen eingezogen und freilich noch in größer Confusion, doch habe ich mich in den Morgenstunden in etwas zur Arbeit sammeln können und hoffe nun bald recht in Gang zu kommen.

Zu der lyrischen Ausbeute gratulire ich. Genießen Sie die schöne Jahrszeit auf’s beste und denken unser.

Sch.

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