680. An Goethe

Jena, den 4. November 1799

Mit meiner Frau steht es leider noch ganz auf demselben Punct wie vor drei Tagen, und es ist noch gar nicht abzusehen, was daraus werden will. Seit vorgestern spricht sie keine Sylbe, obgleich mehrere Umstände vermuthen lassen, daß sie uns kennt und die Zeichen der Liebe erwidert, die wir ihr geben. Sie hat in diesen drei Tagen reichlich geschlafen, aber fast nichts zu sich genommen und das Wenige mit großer Mühe. Eine hartnäckige Stumpfheit, Gleichgültigkeit und Abwesenheit des Geistes ist das Symptom das uns am meisten quält und ängstigt. Gott weiß, wohin all dieß noch führen wird, ich kenne keinen ähnlichen Fall aus dem sich dieser judiciren ließe, und ich fürchte, Starkens Erfindungskraft wird auch bald erschöpft seyn. Opium, Moschus, Hyoscyamus, China, Kampher, Zinkblumen, Vesicatorien, Sinapismen, kalte Salmiakumschläge um den Kopf, starke Öle zum Einreiben sind nach und nach an der Reihe gewesen, und heute soll mit der Bella Donna noch ein Versuch gemacht werden.

Weil der immerwährende quälende Anblick mich ganz niederdrückt, so habe ich mich entschlossen, vielleicht auf einen halben Tag nach Weimar zu fahren, und mein Gemüth zu zerstreuen. Auch meine Schwiegermutter bedarf dieser Veränderung, wir wissen meine Frau während der kurzen Abwesenheit unter den Augen der Grießbachin, die uns bisher große Dienste geleistet hat.

Haben Sie doch die Güte, von Wallensteins Lager und den beiden hier zurückkehrenden Stücken auf’s allerschnellste eine Abschrift besorgen zu lassen. Ich habe hier in meinem Hause jetzt keinen Raum für die Abschreiber, und aus dem Hause mag ich die Stücke hier nicht geben. Sie erweisen mir eine große Gefälligkeit, wenn Sie mir recht bald Copien davon schaffen.

Übrigens liegen noch alle Geschäfte bei mir und liegen vielleicht noch lange.

Mögen Sie selbst indessen wohl und heiter seyn. Daß ich Büry neulich nicht sehen konnte, habe ich beklagt, aber es war unter den Umständen ganz unmöglich,

Ein herzliches Lebewohl.

Sch.

P. S. Die zwei Stücke bringt morgen das Botenmädchen, weil die reitende Post sie nicht annahm. Wallensteins Lager aber hat Seyffarth, und dieß könnte also gleich angefangen werden. Auch bitte ich um die Melodien 1stens zu dem Anfangslied in Wallensteins Lager, 2tens dem Recruten-, 3tens dem Reiterlied und 4tens des Mädchens Klage. Loder hat die Stücke an das Theater zu Magdeburg verhandelt, wohin ich sie eilig schicken muß. Seyffarth hat mir zwar Wallensteins Lager kürzlich copiren lassen, aber ich brauche noch eine Copie.

H 671 | S 669 | B 672