671. An Goethe
Jena, den 22. Oktober 1799
Es geht mit der Erholung der kleinen Frau etwas langsam, doch ist sie von übeln Zufällen verschont geblieben, und das Kleine nimmt täglich zu und zeigt sich als einen frommen ruhigen Bürger des Hauses. Unter diesen Umständen habe ich indeß mein Gemüth noch nicht recht sammeln können, da ich mich nicht isoliren kann und auch zu oft abgerufen werde.
Und doch etwas zu thun, habe ich über die Disposition meiner Maltheser-Tragödie nachgedacht, damit ich dem Herzog sogleich bei meiner Ankunft etwas Bedeutendes vorzulegen habe. Es wird mit diesem Stoff recht gut gehen, das punctum saliens ist gefunden, das Ganze ordnet sich gut zu einer einfachen großen und rührenden Handlung. An dem Stoff wird es nicht liegen, wenn keine gute Tragödie, und so wie Sie sie wünschen, daraus wird. Zwar reiche ich nicht aus mit so wenigen Figuren, als Sie wünschen, dieß erlaubt der Stoff nicht; aber die Mannigfaltigkeit wird nicht zerstreuen und der Einfachheit des Ganzen keinen Abbruch thun.
Die vom Herzog vorgeschlagene Geschichte des Martinuzzi scheint mir nicht brauchbar für die Tragödie. Sie enthält bloß Begebenheiten, keine Handlung, und alles ist zu politisch darin. Es ist mir recht lieb daß der Herzog selbst nicht weiter darauf besteht.
Vossens Almanach zeigt wirklich einen völligen Nachlaß seiner poetischen Natur. Er und seine Compagnons erscheinen auf einer völlig gleichen Stufe der Platitude und in Ermanglung der Poesie waltet bei allen die Frucht Gottes.
Ich wünsche morgen von Ihnen zu hören daß Sie dem Mahomet unterdessen was abgewonnen haben.
In der Erlanger Zeitung soll Herder sehr grob recensirt worden seyn.
Unser Almanach nimmt sich noch ganz gut, und neben seinen Kameraden vornehm genug aus.
Ich habe in den neuen Band von Schlegel’s Shakespeare hineingesehen und mir däucht, daß er sich viel härter und steifer liest als die ersten Bände. Wenn Sie es auch so finden, so wär’s doch gut ihm etwas mehr Fleiß zu empfehlen.
Die Frau grüßt Sie freundlich.
Leben Sie recht wohl.
Sch.