495. An Schiller
Weimar, den 21. Juli 1798
Es ist mein recht herzlicher Wunsch, daß sich die Stimmung zu einer poetischen Arbeit recht bald wieder bei Ihnen finden möchte. Leider ist Ihre Lage im Garten von einer Seite so ungünstig als sie von der andern günstig ist, besonders da Sie sich mit dem Bauen eingelassen haben. Ich kenne leider, aus frühern Zeiten, diese wunderbare Ableitung nur allzusehr, und habe unglaublich viel Zeit dadurch verdorben. Die mechanische Beschäftigung der Menschen, das handwerksmäßige Entstehen eines neuen Gegenstandes, unterhält uns angenehm, indem unsere Thätigkeit dabei Null wird. Es ist beinahe wie das Tabakrauchen. Eigentlich sollte man mit uns Poeten verfahren wie die Herzoge von Sachsen mit Luthern, uns auf der Straße wegnehmen und auf ein Bergschloß sperren. Ich wünschte man machte die Operation gleich mit mir und bis Michael sollte mein Tell fertig seyn.
Da das elegische Sylbenmaß sich nach allen Seiten hin bewegen läßt, so zweifle ich gar nicht an einem glücklichen Erfolge einer lyrischen Behandlung. Ich erinnere mich schon selbst in früherer Zeit eine ähnliche Intention gehabt zu haben.
Aus der Beilage sehen Sie daß unser erster anaglyphischer Versuch gut genug gerathen ist; der Abdruck ist nur aus freier Hand gemacht; wo das Kreuzchen steht ist er am besten gerathen, und Sie werden leicht sehen daß sich diese Arbeit sehr hoch treiben läßt. Der Einfall macht mir sehr viel Spaß. Facius ist gerade der Mann um so was auszuführen, und unser Meyer, indem er weiß was sich in dieser beschränken Art thun läßt, wird durch seine Zeichnung das Unternehmen heben. Wir wollen zum Almanach eine ähnliche, jedoch sehr reiche Decke besorgen, sie soll alsdann auf farbig Papier abgedruckt und mit harmonirenden Farben illuminirt werden. Das alles zusammen wird nicht theurer zu stehen kommen als eine Kupferdecke mit Stich und schwarzem Abdruck. Ich bin überzeugt, wenn es einmal im Gange ist, so muß es, besonders da nun viele Bücher geheftet ausgegeben werden, sich als Deckenzierrath sehr weit verbreiten.
Übrigens habe ich mich mit Redaction meiner eignen und der Meyer’schen Aufsätze beschäftigt. In acht Tagen wird das erste Manuscript abgehen; indem ich mich daran halte, so wird zugleich das nächste Stück fertig und ich sehe von dieser Seite einen weiten Raum vor mir.
Diese Tage habe ich mehrere Stunden mit Herrn von Marum zugebracht. Es ist eine gar eigne, gute, verständige Natur. Er hat sich viel mit Electricität abgegeben; ich wünsche daß er länger hier bleiben könnte, so würde man auch mit diesem Theil geschwind zu Rande seyn; er empfahl mir den dritten Theil seiner Schriften, in welchem die neuesten Resultate dieses wichtigen Capitels der Naturlehre aufgezeichnet seyen.
Eins will ich nicht läugnen daß mich indessen die Redaction der Meyer’schen Arbeiten unglücklich macht. Diese reine Beschreibung und Darstellung, dieses genaue und dabei so schön empfundene Urtheil fordert den Leser unwiderstehlich zum Anschauen auf. Indem ich diese Tage den Aufsatz über die Familie der Niobe durchging, hätte ich mögen anspannen lassen um nach Florenz zu fahren.
Die Romane der Frau von Staël kenne ich, es sind wunderliche passionirt gedachte Productionen.
Ich war diese Tage mit Meyern in einer kleinen Differenz über die wir uns noch nicht ganz ausgesprochen haben; er behauptete, daß sogar das genialisch Naive in einem gewissen Sinne durch Schule überliefert werden könne, und er mag wohl recht haben wenn man den Ausdruck nur so motivirt: daß die Aufmerksamkeit des Künstlers von frühen Jahren an auf den Werth desselben in der bildenden Kunst gerichtet werden könne und solle. Sonderbar scheint es freilich daß in unserer Zeit sogar die Idee davon völlig verloren gegangen ist, wie aus dem neulichen Vorschlag Danneckers zu einem Basrelief erhellet und wie uns in Gesprächen von Thouret, welcher der Repräsentant einer großen Masse ist, indem er Künstler und Publicum zugleich vorstellt, auf’s neue so sehr aufgefallen ist. Sein Jahrhundert kann man nicht verändern, aber man kann sich dagegenstellen und glückliche Wirkungen vorbereiten. Einer meiner nächsten Aufsätze soll den Titel führen: über die Hindernisse die dem modernen Künstler im Wege stehen, vom Gestaltlosen zur Gestalt zu gelangen. Der Raum läßt mir nur noch ein Lebewohl zu.
G.